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Ingeborg Harms Visionen aus dem Kleiderschrank

Ein Jahr lang habe ich auf das Interview mit Miuccia Prada warten müssen, obwohl ich mich im Namen der FAZ darum beworben hatte. Tatsächlich musste ich 15 Jahre warten, bis ich das nächste Mal mit ihr sprechen durfte. Denn sie ist das Orakel der Modewelt und gibt sehr wenige Interviews. Damals, 1998, war ihr Englisch noch lange nicht so gut wie heute. Aber weil ich an ihren Lippen hing und für die Vorbereitung lange genug Zeit gehabt hatte, kam alles, was sie sagen wollte, bei mir an. Und heute wundere ich mich, wie wenig sich ihre Grundposition verändert hat. Die Rolle der Kunst für ihre Arbeit, die vielen Ichs, ihre ganz eigene Art, sich von der Kinder-Couture inspirieren zu lassen, der Traum, in der Politik mitzumischen – das alles spielt noch heute eine zentrale Rolle.
Es gibt eine Kernpersönlichkeit, die die Marke Prada durch die Zeiten trägt. Wie vielen anderen, war mir Prada zuerst durch die ugly-prints-Kollektion von 1997 aufgefallen. Von da an kaufte ich jedes Jahr bei ihr ein. Viele der Modelle, die im Artikel erwähnt werden, holte ich beim Schreiben aus dem Schrank. Ich habe immer die auffälligsten Stücke vom Laufsteg gekauft, was mir viel Spott unter den Moderedakteurinnen eintrug. Ich war das Fashion Victim in unserer Truppe, die im Minibus von einer Schau zur nächsten fuhr, denn damals arbeitete ich schon für die Vogue. Ich habe meine Prada-Schätze nicht allzu oft getragen, letztlich sind sie doch eher Kunst und so etwas wie Seelensouvenirs. Sie haben sich so eingebrannt, dass ich mich selbst zu sehen meine, wenn mir zufällig Fotos von Prada tragenden Models aus jenen Jahren begegnen. (Ingeborg Harms)


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Miuccia Prada: Visionen aus dem Kleiderschrank
 

Die Politik, der Körper und die Mode: Wie Miuccia Prada die Welt sieht

 

Seit Miuccia Prada die Modelandschaft unterwandert, tragen feine Damen in den großen Städten Tarnanzüge. Gleich weit entfernt von Calvin-Klein-Jeans und Chanel-Kostümen, ist es ihr gelungen, einen Stil zu schaen, der keiner ist und den doch jeder Eingeweihte gleich erkennt. Wenn Mode sonst hieß, sich zurechtzumachen, etwas anzulegen, kurz, über die eigene Bequemlichkeit hinauszuwachsen, so liefert Prada die zweite Haut, nach der die Menscheit sucht, seit sie das Fell verloren hat. Dem Fell kommt bekanntlich nicht nur die Aufgabe der Hülle zu, die schützt und wärmt; es dient auch noch sozialen Zwecken. Seine Maserung gebietet Abstand oder paßt den Träger täuschend der Umgebung an. Den Richtigen will es locken, den Falschen irritiert es, aber keiner kann es kopieren.
Familientradition, Klugheit und Durchhaltekraft kamen zusammen, um diese neue Schule des Kleidens zu gründen. Oft haben die Modemagazine in den letzten Jahren das Märchen vom Aufstieg Miuccia Pradas erzählt. Der Anfang war für die Dreißigjährige ein Ende all dessen, was sie mit ihrem Leben hatte machen wollen. Als Doktor der Politikwissenschaften war sie in der feministischen Sektion der kommunistischen Partei Italiens in eine Spitzenstellung eingerückt. Ihre Tage verbrachte sie mit Demonstrationen, Diskussionen und Agitationen. Doch dann legte die Familie der Tochter die Rechnung für eine glücklich verlebte Jugend vor.
1979 übernahm sie als jüngstes von drei Kindern die Firma ihres Großvaters mütterlicherseits, eine ehrwürdige Mailänder Adresse für Luxusreisegepäck, die der Massentourismus zu einem skurrilen Überbleibsel einer anderen Epoche machte. Für die Erben Mario Pradas galt es, auf Damentaschen umzusteigen. Viele Jahre lang war die Unternehmensleitung ein Albtraum für die Enkelin. Erst heute, sagt sie, hat sie die Kontrolle über die damit verbundenen Probleme gewonnen. Dabei gelang der jungen Chefin schon in den Achtzigern der erste Coup, auch wenn es zunächst nicht so aussah. Weiterlesen auf Waahr

Irmgard Keun Das System des Männerfangs

Etwas über Irmgard Keun zu schreiben, heißt, mich an Doris zu erinnern. Doris, nicht Gisela. Gisela stammt aus dem ersten Roman von Keun: »Gilgi, eine von uns«. Nicht zu Ende gelesen, um ehrlich zu sein. »Das kunstseidene Mädchen« schon. Vor zehn Jahren.

Doris also, die Protagonistin aus dem 1932 erschienen Roman. (Unter den Nazis verboten, dann vergessen, dann seit den 1970er Jahren wiederentdeckt. Zum Glück. Was wäre mein literarisches Leben ohne Doris, die ihre Füße vor dem Schlafen gehen nicht wäscht?) Doris, die ihrem langweiligen Stenotypistinnenleben in der mittleren Stadt entfliehen und zur Produzentin ihres eigenen Lebens werden möchte. In Berlin natürlich. Klar. Schon damals. Sie versucht ihre Position als Frau in der Gesellschaft zu finden und zu definieren, kapiert jedoch nicht, dass ihre Wünsche nur eine Reflektion von konsumierten Film- und Werbebildern sind. Alles soll Kino sein. Alles eine Bühne:


»In meinem Negligé, das meine Füße seidig umwallt und meine Knie streichelt, bewege ich mich vor und hebe ganz langsam meine beiden Arme, die von Spitzen überstürzt werden – und an meinen Füßen rosa seidene Pantoffeln mit Pelz dran – und dann hebe ich meine Arme wie eine Bühne und schiebe die große Schiebetür auseinander und bin eine Bühne.«


Schließlich scheitert der Versuch sich aus den Zuschauerrängen zu erheben, um im Jargon zu bleiben. Sie sitzt dann schließlich an jenem Ort: dem Wartesaal.


Die Erinnerung an »Das kunstseidene Mädchen« flirrt beim Lesen von »Das System des Männerfangs« erschienen 1932 in der von dem Galeristen begründeten Kulturzeitschrift »Der Querschnitt«, immer wieder auf. Männer nehmen im Leben von Doris eine entscheidende Rolle ein, denn 120 Mark Einkommen ermöglichen ihr kein selbstbestimmtes Leben: »Aber jetzt sitze ich noch mit 80 Mark und ohne neue Existenz und frage mich nur, wo ist ein Mann für meine Notlage.«. Doris betreibt Männerfang, systematisch, auf Abhängigkeit und Anpassung beruhend. Dennoch versucht sie die Fiktion, aufrechtzuerhalten, selbst bestimmen zu können. Und so hätte Doris jene Regeln auch in ihr Tagebuch schreiben können. Zu diesem Zweck müssten sie nur etwas naiver ausfallen, damit die 18-jährige Figur nicht zu sehr aus der Rolle fällt.

Romanfigur und ›Lebenshilfe‹ im »Querschnitt« einen der pragmatische Einsatz von »Weiblichkeit als Maskerade«. Und so warnt Keun in »Das System des Männerfangs« am Ende vor der Liebe, die einen Regelverfall provozieren würde. Und auch Doris bleibt am Ende des Romans mit den verzerrten Bildern aus Film und gesellschaftlicher Realität allein. Aber im Gegensatz zu anderen Romanausgängen dieser Zeit ist Doris weder tot noch verheiratet.

Beide Texte stehen für die Grenzen eines weiblichen Selbstbestimmungsversuchs und sind eine kritische Stellungnahme zu den gesellschaftlichen Verhältnissen jener Jahre, die es einer Frau nicht ermöglichten, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sondern sie zwangen, in der kontinuierlichen Abhängigkeit von Männern zu stehen. (Stefanie Roenneke)

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Irmgard Keun: Das System des Männerfangs

 

I. Allgemeine Regeln: der Eitelkeit des Mannes Futter geben. Sein Selbstgefühl stärken, ihn stolz sein lassen auf sich. Ihn verstehen, wenn er verstanden werden will, und im richtigen Moment stoppen – mit dem Verstehen. Ein Mann wünscht nicht bis in die letzten abgründigen Tiefen seines einmaligen Innenlebens begriffen zu werden von einer Frau – er könnte sonst merken, daß es nicht so unerhört einmalig ist, und das würde er sehr übel nehmen. Also ihm immer noch den letzten, sanft melancholischen Seufzer des Unverstandenseins lassen, erschüttert von der eignen Machtlosigkeit dasitzen – er wird sie verzeihen und einem über die eigene Unvollkommenheit liebreich hinweghelfen. Jeder Mann legt Wert darauf, ein im Grunde »einsamer Mensch« zu sein. Man respektiere das. Ihn sentimental sein zu lassen. Männer brauchen das – und können es nur bei einer Frau sein. Zynische Männer sind am sentimentalsten (Zynismus als Stacheldraht um ein zu weiches Herz) – man muß ihn taktvoll ahnen lassen, daß man, trotz verhüllender Geisteschärfe, von dem kostbaren weichen Herzen Kenntnis genommen hat. Unbedingt und immer über dasselbe mit ihm lachen – sonst ists Essig mit der erstrebten Gemeinsamkeit. Sich politisch aufklären lasen. Sehr dumm sein, aber sehr intelligent fragen. Zu seinen jeweiligen Freunden und Bekannten entzückend sein – Lob von anderen macht die eigenen Aktien um hundert Prozent steigen. Möglichst zu dreien oder vieren ausgehen – zusammensitzen – lieb und nett sein – und im richtigen Moment sehr graziös zur Telefonzelle entschweben, um den Bekannten Gelegenheit zu ein paar anerkennenden Worten zu geben. Sie mit einem Nimbus von Verehrern – »die einem aber sehr gleichgültig sind« – umgeben. Man ist nicht so. Man macht sich nichts draus. Man legt ihm die Skalpe der Eroberten zu Füßen – er wird stolz sein – auf sich, auf die Frau, auf sich und überhaupt. Ihm immer Gelegenheit zum triumphierenden Rivalentum geben. Und nicht sein – sondern reflektieren. Spiegelbild seines jeweiligen Wunsches. Ihm zuhören. Und dann –

II. Den Mann behandeln als Mann seines Berufes. Vor allem: Interesse für seinen Beruf.

A. Künstlerische Berufe

a. Schauspieler. Ein Schauspieler lieben ist fast pervers. Man kommt nicht auf seine Kosten – d.h. die spezifische Eitelkeit der Frau kommt nicht auf ihre Kosten. Ein Schauspieler muß von einer Frau geliebt werden wie ein Mann eine schöne Frau liebt. Sein Beruf ist feminin. (Weiterlesen auf Waahr)

Christian Litz Wieder daheim, verdammt noch mal

Um die Geschichte vorzubereiten – sie sollte im Oktober 1997 im Magazin der »taz« erscheinen –, war ich zweimal zu Familie Srmić in Grömbach gefahren. Jedes Mal mit meinem Auto, einem alten, soliden Opel Corsa von Stuttgart aus, wo ich damals wohnte. Jedes Mal war klar abgesprochen worden, der Fotograf und ich, wir würden als Begleiter bei der Heimkehr in einem der beiden Autos der Srmićs sitzen. Hautnah, mittendrin. Deshalb nur eine Zahnbürste als Gepäck. Wenig Fotoausrüstung. Den Corsa würde ich einfach am Sportplatz von Grömbach stehen lassen. Der Dorfpfarrer, der mir den Kontakt zu den Srmićs vermittelt hatte, würde ab und zu nach dem Wagen schauen. Der alten Rostkiste würde nichts passieren.

Einen Tag vor der Abfahrt nach Bosnien: Corsa – Kolbenfresser. Von der Werkstatt aus fuhr ich mit dem Bus zum Stuttgarter Bahnhof. Mit dem Zug nach Heilbronn, mit dem Bus über die Dörfer zu meinen Eltern. Meine Mutter lieh mir ihren Peugeot 205, neu, weiß, gepflegt, ohne zu wissen wofür. Der Fotograf, damals ohne Auto, und ich kamen wie vereinbart um 3 Uhr nachts bei Srmićs an. Die hatten ihre beiden Autos vollgepackt und sagten, wir haben doch kein Platz für euch. Mhhh. Ich fragte: Das ist kein Trick? Würden wir stören? Nein, nein, kein Platz. Also legten wir im kleinen Peugeot die Rücksitze um und luden Hausrat der Familie ein. Dankbarkeit. Ab da waren wir ein Team, fuhren mit drei Autos nach Sarajewo.

Die Geschichte lief, wie sie lief, der Fotograf und ich fuhren wieder heim. Kurz hinter Sarajewo war eine Brücke gesprengt, zerbombt, nicht mehr existent. Ich fuhr von der Straße einen Grasabhang runter, scharf rechts, ich wollte unter der Brückenrampe durch. Krachte mit Mamas weißem Peugeot auf einen Panzer der ukrainischen Armee. Die war als Friedenstruppe seit ein paar Tagen im Land. Ein Soldat fiel vom Panzer. Der kleine Peugeot steckte fest unter den Ketten. Die Ukrainer lachten, halfen mir, die Stoßstange abzubrechen, damit sie nicht mehr auf die Vorderreifen drückte. Wir nahmen einen Kotflügel ab und bogen die Motorhaube hoch. Die Ukrainer waren glücklich, tranken die ganze Zeit Wodka. Weiter, heim! Der Fotograf wollte – was immer da los war, weiß ich bis heute nicht – das Auto nicht fahren. Auf keinen Fall. Ich musste die ganze Strecke durch Serbien und durch Österreich runterreißen, einmal einen Reifen wechseln. Bei Ulm sagte der Fotograf plötzlich: Ich fahre. Direkt zur Werkstatt in Stuttgart. Der Corsa war schon lange fertig. Ich gab den Peugeot ab, fuhr den Fotografen mit dem Corsa heim, rief meine Mutter an und sagte, ich hätte ein Problem mit ihrem Auto. Es sei in der Werkstatt, nichts Dramatisches, alles bald wieder in Ordnung. Der Peugeot war genau an dem Tag fertig, an dem meine Eltern abends mal vorbeischauen kamen. Irgendwann erzähle ich meiner Mutter mal, was ihr Auto, mit dem sie, Lehrerin, noch Jahrelang zu ihrer Schule fuhr, so erlebt hatte. (Christian Litz)

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Christian Litz: Wieder daheim, verdammt noch mal

Erdin Srmić schaut nach oben an die Hänge und sieht satt-grüne Wälder. Die Sonne scheint. Erdin atmet durch, paßt dabei nicht auf und lenkt seinen Daimler mitten durch eines der von Granaten gerissenen Löchern auf Sarajevos Hauptverkehrsstraße Marsala Tita. Bei der Fahrt vorbei an schwarzgerußten Hochhausgerippen, zerbombten Häusern, mit Einschusslöchern gespickten Wänden und Parks voll rot-gelber Minenwarnschilder, hält Erdin Srmić das Steuer so fest, daß seine Fingerknöchel weiß werden. „Die vielen UN-Soldaten auf den Straßen, die geben mir ein Gefühl von Sicherheit.“ Alles in Ordnung also: Der Krieg ist aus, nach fünf Jahren in der Fremde kommt die Familie Srmić nach Hause. Zlatan (14), Denin (19), Mutter Zarfa (49) und Vater Erdin (50), zurück aus Grömbach bei Freudenstadt im Schwarzwald.

Dort, Sonntag Morgens um fünf, als sie die beiden Autos vollpackten, sprachen die Söhne bosnisch. „Redet doch deutsch!“ sagte Vater Erdin. Er wäre „natürlich sehr gern“ in Deutschland geblieben. „Schönes Land.“ Aber er ginge voll Freude zurück. Bei einer Rast vor der kroatischen Grenze sagt er beiläufig, er habe eine Einspruchsfrist verpasst: Ein Behördengang nur und sie hätten die Chance gehabt, länger zu bleiben. Später erzählt er von der großen verpassten Chance seines Lebens. Er war von 1970 bis 1976 in Frankfurt, arbeitete als technischer Zeichner bei Hochtief, hatte eine deutsche Freundin, ein Auto. Als er entlassen wurde, bekam er eine kleine Abfindung und fuhr zurück nach Sarajevo. „Ich war dumm. Wäre ich geblieben, hätte ich meine Aufenthaltsgenehmigung nicht verloren. Wäre heute wahrscheinlich Deutscher.“ Aber er fuhr mit seinem knallroten Peugeot in Sarajevo ein. Hatte D-Mark und allerlei Luxusgüter und somit den großen Auftritt im sozialistischen Jugoslawien.

Seine zweite Rückkehr ist kein Triumphzug: Die Wohnung der Familie am Nordrand Sarajevos, fünf Jahre in der Schusslinie von Heckenschützen, ist kaputt. Auf seinem Arbeitsplatz bei Architect, der größten Baufirma in der Hauptstadt Bosniens, sitzt ein anderer. Die Möbel, aus Deutschland vorausgeschickt, stehen in einem verplombten Laster am Zollhof, und der Zöllner wird mindestens einen Hundertmarkschein kassieren, ehe er sie rausrückt.

Am zweiten Tag sitzt das Familienoberhaupt am Küchentisch der Wohnung die seiner Schwester gehört – sie hat einen deutschen Pass, lebt in Köln und hat die Wohnung der Familie überlassen. Erdin Srmić schwitzt, er setzt seine Schirmmütze ab. Das ist von Bedeutung, denn mit ihr, den grauen Koteletten und der Mähne am Hinterkopf kann er eine Glatze tarnen. Tagelang bemühte er sich um den Schein, jetzt ist es ihm egal. Weiterlesen auf Waahr

Guido Eckert Wahrsager

Die Lüge hat einen schlechten Ruf. Schon früh bekommt der Mensch zu hören: Sei ehrlich! Dennoch kommt jeder von uns auf mehr als 200 Lügen am Tag. So viele sollen es tatsächlich sein. Doch wer zählt schon gerne mit.
Wie wichtig das Lügen für unser Leben ist, wird erst dann deutlich, wenn man sich zwingt, stets ehrlich zu sein. Doch wer will das schon.
Autor Guido Eckert hat es 1996 gewagt und für das jetzt-Magazin aufgeschrieben. Eine Woche keine Lüge. Eine Woche Wahrheit – mit überraschenden Folgen.

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Guido Eckert: Wahrsager

Kleine Lügen sind einfach und erleichtern das Leben. jetzt-Autor Guido Eckert versuchte, eine Woche lang radikal ehrlich zu sein. Eine Woche der Wahrheit.

Eine Woche will ich durchhalten. Ich weiß nicht, was mich erwartet, weil es keinen Fährtenführer gibt für dieses Experiment, und weil sich nicht abschätzen läßt, welche Dimension es annehmen wird. Also gehen mir wirre Bilder durch den Kopf, viele Schreckensszenarien, auch schöne Dinge…

Eine Woche will ich gnadenlos ehrlich sein.

Der Wecker klingelt allerdings auch nicht anders, an diesem Montag. Auch der Kaffee schmeckt nicht besser. Die Marmelade ist trotzdem schimmelig. Aber ich weiß, daß etwas passieren wird. Wenn man einen Vorsatz faßt, wird es Folgen haben. Davon bin ich überzeugt, und es läuft warm durch meinen Magen und die Wirbelsäule entlang. Auf der Straße habe ich kurz das Gefühl, daß sich so ein Vorhaben auch im Gesicht zeigen müßte. Aber ich sehe nur verschlafen aus. Eine Woche Fröhlichkeit, das würde man eher bemerken. Oder eine Woche Traurigkeit. Dafür bin ich innerlich wacher. Und neugieriger.

Ich gehe zur U-Bahn, und mir fällt auf, daß ich früher oft verschwunden bin, wenn ich Leute gesehen habe, die ich nicht sprechen wollte. Dann bin ich im Gewühl untergetaucht, um nichts und niemanden zu sehen – jetzt gehe ich auf ein bekanntes Gesicht zu. Weiterlesen auf Waahr

Christa Ritter: Ich, Kühnen

Im November 2007 erschien in der deutschen „Vanity Fair“ ein Interview mit dem früheren Rechtsanwalt, dann Terroristen und heutigen Nazi Horst Mahler. Für einen besonders hohen Grad an Aufmerksamkeit sorgten die Gesprächskonstellation und die Verwertung des Materials. Das Gespräch führte Michel Friedman. Es wurden zehn Seiten im Heft und 28 Seiten in der Online-Ausgabe. Der Nazi warb zudem auf dem Cover.

Im Editorial verteidigte der damalige Chefredakteur Ulf Poschardt seine Entscheidung, indem er die Notwendigkeit einer „Auseinandersetzung mit den Feinden der Demokratie mit Mitteln der Aufklärung“ betont, da „rechtes Gedankengut auch bürgerliche Schichten erreicht“ hat. „Meinungsfreiheit ist dafür unverzichtbar“, so Poschardt weiter. Im Magazin hieß es zudem, „dass es eine bessere Bloßstellung der deutschen Rechtsextremen nie gegeben hat“.

Kritiker wie Henryk M. Broder akzeptierten jedoch nicht, dass „ein Lifestyle-Magazin einem bekennenden Neo-Nazi zehn Seiten einräumt“. Während Arno Lustiger, Historiker und Überlebender von Ausschwitz, die Publikation einen Skandal nannte und Poschardt zugleich verklagte, rügte Broder auf Spiegel Online vor allem die Gesprächskonstellation und die schwache Rolle Friedmans. Seiner Meinung nach beruhe der Skandal auf einer „perversen Phantasie“, da „es ein prominenter Jude ist, der den Nazi interviewt“. Und dieses Gespräch sei schließlich ein „Dokument der Hilflosigkeit eines Interviewers“.

1989 sollen es nur ungefähr zehn Leser der Zeitschrift „Tempo“ gewesen sein, die sich zu dem Interview mit dem Neonazi Michael Kühnen äußerten, das im Februar des gleichen Jahres veröffentlicht wurde. In einem der meist positiven Briefe heißt es: „Mit nichts kann man Knallchargen wie Michael Kühnen lächerlicher machen, als daß man sie ausreden lässt.“ Jedoch wurde in zwei Briefen Kritik deutlich. Warum wurde den „verfassungsfeindlichen und Gewalt propagierenden Ausführungen“ Raum gegeben?

Kühnen stellte eine wichtige Person für die Entwicklung der Neonazi-Szene in Deutschland der 1980er Jahre dar und wird heute in einigen Kreisen noch kultisch verehrt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung begann sich Kühnen unter den Neonazis jedoch immer mehr zu isolieren und trat nur noch als bekannter singulärer Aktivist auf. Das wird auf mehrere Konflikte innerhalb einzelner Gruppierungen zurückgeführt. Dazu zählt die Auseinandersetzung mit Homosexualität, zu der sich Kühnen 1986 bekannte. Im selben Jahr verfasste er eine 67-seite Broschüre „Nationalismus und Homosexualität“. Kühnen starb 1991 an AIDS, der Krankheit, deren Existenz er immer abgestritten hatte.

 Die Veröffentlichung des Interviews im Februar 1989 fiel in eine Zeit, in der es in Deutschland zu einem Erstarken rechtsradikaler Parteien und Gewalttaten kam. So konnte sich „Tempo“ dem Thema nicht verwehren und thematisierte von April 1989 bis Herbst 1991 Rechtsextremismus in Deutschland. Die Besonderheit und Schwierigkeit des Kühnen-Interviews liegt darin, dass „Tempo“ auch hier einen eigenen Zugang zu dem Thema gesucht hat. Es wird weder eine Wertung an Kühnen vor- noch eine kritische Distanz eingenommen. Das wird an dem Anspruch der Interviewerin Christa Ritter deutlich, die damals für „Wiener“ und „Tempo“ arbeitete. Ihre Beweggründe für das Gespräch mit Kühnen erinnert sie heute wie folgt: „Hier aber nun der Nordpol, ein Interview für „Tempo“ in Hamburg: mit Michael Kühnen, dem stylischen Neo-Nazi-Anführer, über den in den Medien nicht mehr als das übliche ›Igitt!‹ zu lesen war. Vielleicht schimmerte für mich doch mehr durch und ich suchte deshalb seinen Kontakt. Wie tickt ein intelligenter, eitler Neo-Nazi mit Charme und Vision? Vor allem in einer Zeit, wo sich alle irgendwie eher links verorteten“.

Christa Ritter besuchte Kühnen im Gefängnis, „begleitete ihn und seine Gang im Gerichtssaal, traf ihn zum Frühstück im Holiday Inn. Wir fotografierten ihn schwarz-weiß in Leder, altes Hollywood. Das mochte er.“

Neben dieser popkulturellen Inszenierung und Kontextualisierung Kühnens besteht eine weitere Problematik des Interviews darin, dass Ritter ihre Faszination für Kühnen auch mit folgenden Fragen erinnert: „Weiß er etwas vom Licht, das immer einem Schatten voran geht? Vom Anfang der kollektiven Suche nach dem neuen Menschen, die Hitler und seine Leute antrieben und die in Massengräbern enden musste? Und warum dieses Desaster? Was wir DARAUS lernen?“ Folgt Ritter hier der spirituellen Deutung des Nationalsozialismus, die Rainer Langhans seit den 1980er Jahren vorträgt und wonach der Nationalsozialismus als eine fehlgeleitete „Gottsuche“ der Deutschen zu verstehen sei? Oder versucht Ritter Kühnen ‚nur’ im Kontext der Lebensreform-Bewegung zu verarbeiten, die durch den Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde? In diesem Kontext gewinnt das Interview zusätzlich an Brisanz. (Stefanie Roenneke)

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Christa Ritter: Ich, Kühnen

 

Darf man mit Neonazis reden? Man darf nicht, man muss. Nach dem Wahlerfolg der Republikaner in Berlin steht fest: Wir müssen uns mit dem neuen Rechtsextremismus auseinandersetzen. Von Angesicht zu Angesicht. Direkt und ohne Prüderie. Christa Ritter sprach mit Michael Kühnen, dem Ideologen der braunen Bewegung.

München, „Hotel Holiday Inn“. Michael Kühnen ist bester Laune. Gestern Abend köpfte er mit ein paar Kameraden gleich ein paar Flaschen Sekt auf den sensationellen Erfolg der rechtsextremen Republikaner in Berlin. Jetzt sitzt er mir gegenüber – ganz in Schwarz, nervös aufgedreht, mit zitternden Fingern.

Seit zehn Jahren beherrscht der Ex-Leutnant der Bundeswehr die Neonazi-Szene in der Bundesrepublik. Anfang der Achtziger Jahre gründete er die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NS), Deutschlands radikalste Neonazi-Truppe. Als sie 1983 vom Bundesinnenministerium verboten wurde, setzte Kühnen sich nach Frankreich ab. 1984 wurde er verhaftet, ausgeliefert und zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. An seine Kampfgefährten gab er die Parole aus, die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP), damals ein bedeutungsloser Haufen mit rechtspopulistischem Programm, zu unterwandern. Mit Erfolg: Heute ist die FAP eine strikt neonazistische Kaderorganisation, bestehend aus 500 Kühne-Anhängern. Im März 1988 wurde Kühnen aus der Haft entlassen. Er zog nach Langen, wo er bei einem Parteigenossen sein Hauptquartier einrichtete. Mitte letzten Jahres gründete er die Wählerinitiative Nationale Sammlung (NS), mit der er am 12. März  bei den Kommunalwahlen in Hessen kandidiert. Der harte Kern seiner Truppe, rund 150 polizeibekannte Neonazis im Alter zwischen 18 und 50 Jahren, konzentriert sich auf den Wahlkampf in Frankfurt und in der Kleinstadt Langen. Dort, so glaubt Kühnen, bestehen gute Chancen für seine NS, in die Stadtparlamente einzuziehen. Nach dem Wahlerfolg der Republikaner in Berlin erst recht.

Du trägst eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Armeehose und ein schwarzes Hemd. Ist deine Unterhose auch schwarz?
Unsinn. Die schwarze Kleidung ist unsere Parteiuniform. Wir müssen jederzeit als Gruppe zu erkennen sein. Die Schwarz- und Braunhemden sind eine Mode der Macht. Wenn wir am 20. April 1989 den 100. Geburtstag von Adolf Hitler feiern, werden wir dieser Kleidung neuen Glanz verleihen: derselbe Stoff, dasselbe Braun wie damals. Die Uniform verändert einen Menschen. Sie gibt Halt und erzieht zur Gemeinschaft. In Zeiten übersteigerter Individualität ein wichtiges politisches Anliegen.

In diesem Aufzug seht ihr den Autonomen verdammt ähnlich.
Nur Auf den ersten Blick. In Wahrheit sind die Autonomen unsere größten Gegner. Sie sind gefährlich, weil sie uns den Straßenkampf streitig machen. Gewöhnliche Linke sind feige. Sie ziehen sich höchstens gestreifte Schlafanzüge an und tragen Schilder mit Nie wieder Faschismus! Spazieren. Die Autonomen sind anders. Sie starten Aktionen, die wir am liebsten selber machen würden.

Sind die Autonomen militanter als ihr?
Ja klar, aber wir werden von der Polizei schärfer überwacht. Für uns ist es undenkbar, zu einer Demo mit Latten, Gaspistolen, Eisenkugeln und Totschlägern anzurücken. Wenn 300 Autonome durch Hamburg marschieren, wird die Polizei keinen Finger rühren. Wenn aber 50 Nationalsozialisten kommen, nimmt sie alle fest.

Autonome und Neonazis haben eines gemeinsam: Beide kämpfen gegen den Staat. Warum schließt ihr euch nicht zusammen?
Ich würde gern mit ihnen darüber diskutieren. Es gibt eine Reihe von Gründen, gemeinsam zu agieren: Sowohl die Autonomen als auch die Nationalsozialisten verachten die bürgerliche Ordnung. Beide hassen die Dekadenz und bekämpfen die Demokratie. Wenn wir das Schweinesystem beseitigt haben, können wir immer noch untereinander ausschießen, welche Ordnung besser ist.

Was hindert euch dann an einer Kampfgemeinschaft?
In den Augen der Autonomen sind wir ein Teil des herrschenden Systems. Das ist Unsinn. Weiterlesen auf Waahr

Anne Waak: Wie ich einmal Ferien mit Claude Lanzmann machte

Im Sommer 2010 fragte mich M., ob ich ihn nach Südfrankreich begleiten wolle, um den Filmemacher Claude Lanzmann über den Zeitraum von ein paar Tagen für ein Buch zu interviewen. 
Lanzmann ist eine französische Legende; er hat sich jahrzehntelang mit der Shoa, dem dunkelsten Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Mehr als genug Stoff für stundenlange, hochinteressante Gespräche, dachte ich. Und dann war da noch die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre. Ich sagte umgehend zu, schaute mir Lanzmanns umfassendes filmisches Gesamtwerk an und las alles, was ich über ihn finden konnte. Wir flogen nach Paris und fuhren weiter in Lanzmanns Ferienhaus an der Atlantikküste.

Es war ein heißer Juli, das Meer rauschte, die Austern schmeckten. Doch bekanntlich wandelt ja niemand ungestraft unter Palmen. Und wie wir lernen sollten: unter Pinien auch nicht.
Denn leider hatte Lanzmann nicht das geringste Interesse daran, mit uns zu sprechen. Wir bekamen kein einziges Interview. Stattdessen gerieten wir in den anhaltenden, zwar sehr unterhaltsamen, aber auch für uns ziemlich aufreibenden Streit mit seiner Ehefrau – direkt zwischen die Fronten im Fall Lanzmann gegen Lanzmann. Dann wieder war der alte Mann so charmant und in seiner ganzen Lanzmannhaftigkeit so respekteinflößend, dass man ihm gar nicht lange böse sein konnte. Bis er wieder anfing, einen anzuherrschen. 


Ich weiß bis heute nicht, warum er uns überhaupt hatte kommen lassen. War er zu höflich, um uns nach einem Sinneswandel kurzfristig wieder auszuladen? Sollten wir als Zeugen für die Zumutungen seines Familienlebens fungieren? Wollte er einfach nur ein paar laue Abende mit seinen jungen deutschen Freunden verbringen?  
Jede Begegnung auf der Terrasse, jedes Tischgespräch, jeder Ausflug erschien uns wie mit Tretminen gepflastert. Fünf lange Tage schlichen M. und ich auf Zehenspitzen herum – und doch konnten wir es nicht vermeiden, das ab und an eine hochging. M. nutzte die ruhigen Stunden dazu, den verpassten Schlaf der vergangenen Monate nachzuholen und fiel jeden Abend in ein zwölf Stunden dauerndes Koma. Ich schrieb derweil diese Geschichte. (Anne Waak)

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Anne Waak: Wie ich einmal Ferien mit Claude Lanzmann machte

 

Es ist etwas Wütendes in all seinen Sätzen, etwas notorisch Schlechtgelauntes. Als Claude Lanzmann uns in einer Bar am Bahnhof von Bordeaux abholt, flucht er über die Hölle, die der Verkehr da draußen sei, bestellt ein Bier, erledigt es in zwei Zügen und bellt: „Los!“

Es ist Juli, von Berlin aus sind M. und ich nach Paris geflogen, von dort aus haben wir einen Zug nach Bordeaux genommen. Ziel der Reise ist es, ein paar lange Interviews mit Lanzmann zu führen. Zusammen mit bereits existierenden Gesprächen zwischen M. und ihm sollen sie als Buch erscheinen. Außerdem hat die „Welt“ ein Interview anlässlich Lanzmanns kürzlich in Frankreich erschienen Memoiren in Auftrag gegeben. Mit einem Vorschuss des Suhrkamp Verlages sind wir also der Einladung Lanzmanns in sein südfranzösisches Feriendomizil gefolgt.

Er trägt ein blaues Hemd, beige „Quiksilver“-Cargohosen und Segelschuhe, eine zusammenklappbare, gelb getönte Ray Ban, deren dunkelbraunes Gestell zum Muster der Altersflecken auf seinen Händen passt. Die Strecke zu seinem Ferienhaus in Cap Ferret an der Atlantikküste fährt er durchgängig mit hoher Geschwindigkeit auf der linken Spur, nebenbei telefoniert er mit einem seiner beiden iPhones und setzt regelmäßig zu riskanten Überholmanövern an. Irgendwann hält er kommentarlos, steigt aus und sucht etwas im Fußraum des Autos. Offenbar ist ihm sein Hörgerät aus dem Ohr gefallen. Er findet es, setzt es wieder ein und fährt weiter.

Ziel ist sein hölzernes Ferienhaus; dreistöckig, von Pinien und Ginsterbüschen umgeben, gelegen hinter einer Düne nahe des Strandes. Auf der Sonnenterrasse erwarten uns sein Sohn Felix, seine Frau Dominique und neun Katzen. Felix ist ein schlaksiger, bebrillter 17-Jähriger mit roten Haaren. Lanzmann stellt ihn uns folgendermaßen vor: „Der muss endlich mal vögeln. Er ist immer noch Jungfrau.“ Später wird er sagen: „Ich mag mein Dasein als Familienvater nicht“ und „Adoleszente nerven mich genauso wie Katzen“. Felix erträgt die Angriffe seines Vaters schweigend. Wenn er doch einmal Widerworte gibt, droht Lanzmann damit, ihm eine reinzuhauen. Weiterlesen auf Waahr

 

Nicol Ljubic E-mail for you

»Bin ich schon drin?« frage Boris Becker 1999 in einem Werbespot für AOL. Becker war es wohl und Hunderttausende andere auch.
Wie der Zufall es wollte, kam im gleichen Jahr der Film »e-m@il für Dich« mit Tom Hanks und Meg Ryan in die deutschen Kinos. AOL, E-Mails und das Chatfenster avancierten zu einer gewinnträchtigen Liebeseinheit. Wenn man so will, brachte Becker die Leute ins Netz. »E-m@il für Dich« lieferte den Grund, stets online zu sein. Damals jedenfalls.
In seinem im »jetzt«-Magazin erschienenen Essay gleicht Nicol Ljubic das Liebesversprechen der mittelmäßigen Hollywood-Komödie mit der einer viel unterhaltsameren Realität ab. (Stefanie Roenneke)

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Nicol Ljubic: E-mail for you

Den Traumpartner finden: kein Problem dank AOL. Es gibt Menschen, die suchen ihre Liebe im Internet. Ein Freund von mir sucht schon ziemlich lange. Und weil er sie in der Schule, in Discos und im Urlaub nicht gefunden hat, ist er Mitglied geworden bei AOL. Seitdem hält er sich mit Vorliebe in Chaträumen auf, die „Single” heißen oder „Single2” oder auch „Single5”. Weil man beim Chatten Phantasienamen hat, wollte sich mein Freund „Strong“ nennen; er glaubte, daß Mädchen auf starke Typen stehen. Jetzt heißt mein Freund „Strong5618“, weil vermutlich viele Typen vor ihm das gleiche glaubten. Und dann hat er eines Abends „Turbolina13“ getroffen. Sie haben mehr als drei Stunden gechattet, sich Nachrichten hin und her geschickt, sich anfangs über Bücher ausgetauscht, dann über Musik, dann über Sex. Sie haben sich jeden Tag E-Mails geschickt, und mein Freund mußte ständig an Turbolina13 denken. Er war sich sicher, daß sie ein ziemlich tolles Mädchen ist. Über 14 Millionen Menschen haben sich mittlerweile bei AOL angemeldet, 800000 in Deutschland. Viele von ihnen chatten, und viele von ihnen suchen die Liebe. Das ist toll für AOL, weil jeder von ihnen 9,90 Mark im Monat zahlt und 4,95 Mark für jede Stunde. Und damit es noch mehr werden, hat AOL einige Millionen Dollar in einen Film investiert, der „E-Mail für Dich” heißt. Weiterlesen auf Waahr

Joachim-Ernst Behrendt Hip

Hipster. Kaum ein anderes Wort hat in Großstädten in letzter Zeit eine vergleichbare Unruhe ausgelöst. Schimpfwort des Jahres, Sozialfigur der Gegenwart oder Gentrifizierungs-Projektionsfläche: Jeder kennt Hipster, keiner will einer sein. Unpraktischerweise hängen sie aber immer da ab, wo man selbst gerne seinen Mate-Wodka trinkt.
Lange bevor Mark Greif eine kulturtheoretischen Überlegungen zum Hipster vorlegte, stellte »Twen«-Autor Joachim-Ernst Behrendt einen Hipster vor, zu dem das, was wir heute unter dem Begriff verstehen, kaum noch Schnittstellen aufweist,. Mit Trotzki, Rebellion und Nihilismus hat der heutige Entwurf nichts mehr zu tun – es sei denn auf einem ironischen T-Shirt. Behrendts Text stammt von 1962 und wirkt wie aus der Zeit gefallen: Mit uns altertümlich vorkommenden Begriffen bearbeitet er einen untergegangenen Typus und vermittelt, neben historischen Erkenntnissen, dass der Hipster von heute der Square von gestern ist. (Karl Wolfgang Flender)

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Joachim-Ernst Behrendt: Hip

Auf einer Party, erzählt Norman Mailer, habe ein Neger ein weißes Mädchen getroffen. Eine hochintellektuelle Studentin. Der Neger konnte buchstäblich nicht lesen und schreiben. Trotzdem entwickelte sich ein langes Gespräch. Das Mädchen sprach über Psychologie, Philosophie und Soziologie. Der Neger verstand nichts von dem, was das Mädchen sagte. Aber er war an der Art interessiert, in der es zu ihm sprach. Deshalb verstand er am Ende des Gespräches einen guten Teil mehr als mancher, der den Wortsinn ihrer Probleme verstanden hätte. „Er fühlte ihren Charakter, indem er mit den Nuancen ihrer Stimme mitschwang.“ Und im amerikanischen Original entspricht das Wort „schwingen“ bewußt dem Jazzausdruck „swing“. Denn im nächsten Satz sagt Mailer: „Das heißt also: zu swingen bedeutet die Fähigkeit zu lernen, und indem man lernt, einen Schritt vorwärts zu tun, um etwas zu erreichen, etwas zu schaffen.“
Norman Mailer hat in den Jahren, seit er „Die Nackten und die Toten“ schrieb, als erster und einziger eilte Philosophie des Hip entwickelt. (Weiterlesen auf Waahr)

Thomas Lindemann Was von Niklas Luhmann bleibt

Noch in den Neunzigern war er der König der deutschen Soziologie. Niklas Luhmann hatte die recht müde Wissenschaft geweckt und eine Gesellschaftstheorie erdacht, die mit Kybernetik, Biologie oder Informatik kommunizieren kann und gnadenlos modern wirkte. Und doch schien er 2008, zehn Jahre nach seinem Tod, fast vergessen. Ich ging drei Tage nach Bielefeld auf eine Spurensuche. Denn nur dort, im sozialdemokratischen Niemandsland der Republik, konnte der geniale Biedermann Luhmann so erfolgriech lehren und leben. Übrig sind Grabenkämpfe um seinen berühmten Zettelkasten, sentimentale Jünger und ein paar böse, dunkle Gerüchte. (Thomas Lindemann)

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Thomas Lindemann: Was von Niklas Luhmann bleibt

erschienen am 6. November 2008 in »Die Welt«

Vor zehn Jahren starb der größte Soziologe der Nachkriegszeit. Niklas Luhmann hat die Systemtheorie nicht erfunden, aber zu einer Superwaffe umfunktioniert. Unermüdlich arbeitete er an einer Theorie der Gesellschaft. Thomas Lindemann hat an der Universität Bielefeld nach seinen Spuren gesucht.

6000 Quadratmeter Noppen. Norament 925 heißt der Kautschukboden, der in der Haupthalle der Universität Bielefeld liegt – funktional und noch so frisch wie am ersten Tag 1969. Dass eine Legende der Wissenschaft täglich über diese Noppen ging, klingt irgendwie nüchtern. Damit passt es auch zur Sache: Niklas Luhmann, der große Soziologe, zurückgezogene Denker und Umwälzer seiner Disziplin, war hier Professor, von der Gründung der Reformuniversität bis zu seinem Tod am 6. November 1998.

Luhmann war nicht der Erfinder der soziologischen Systemtheorie, aber der Mann, der aus ihr eine Superwaffe machte. Seine Systemtheorie verband Soziologie mit Biologie, Computerwissenschaft oder Mathematik. Luhmann konnte über alles reden, und tat das auch: Zwischen 1963 und seinem Tod erschienen 53 Bücher und Hunderte von Aufsätzen – über Liebe, Kunst, Ökologie, den mathematischen Kausalitätsbegriff, das deutsche Recht oder die Gesellschaft im Allgemeinen.

Luhmanns Theorie ist Magie. Sie jongliert mit einem kleinen, genau bestimmten Satz von Grundbegriffen – wie Sinn, System, Umwelt, Kommunikation – und bietet eine scharfe und eiskalte Sicht der modernen Gesellschaft. Ihre zwei Grundideen: Sozialsysteme bestehen aus Kommunikationen, nicht etwa aus Menschen oder deren Taten. Weiterlesen auf Waahr.

Christian Litz Minenträumer

Der jähzornige alte Mann hatte mich angeschrien. Immer wieder rausgeschmissen. Sein Helfer mich immer wieder reingeholt. Spät abends, erschöpft, wütend und aufgewühlt, fuhr ich durch den Hunsrück zum Hotel voller Fahrradtouristen. Stoppte an einem Waldweg, stieg aus. Schrie mir die Seele aus dem Leib. Drosch mit einem Holzknüppel auf einen Baum. Eine Familie kam auf Rädern näher, ich bemerkte sie erst spät. Die Eltern schauten in die andere Richtung. Die Kinder, drei, wenn ich mich recht erinnere, sahen mir ins Gesicht. Neugierig und geschockt, vor allem ängstlich.

Am nächsten Morgen wieder zu dem Mann, der eine Maschine entwickelt hatte, die schneller und besser tödliche Minen räumen kann als alle anderen. Aber er war so verrückt und fies, dass er mit diesem Segen für die Menschheit nie auf den Markt kam. Wieder tobte er mich an: „Sie sind dumm. Dass sie ein solche Frage überhaupt stellen, zeigt, dass sie dumm sind.“ Überschüttete mich mit seinem Verfolgungswahn. Mein Kopf bremste mich mit dem Satz, den vorher ein Minenexperte gesagt hatte: „Aufgrund des Charakters eines Menschen eine Maschine zurückzuweisen, die Tausenden das Leben retten und Tausende von Krüppeln verhindern könnte – spinnen denn alle?“ Nach sieben Stunden in dieser Atmosphäre und einem Interview, das sich im Kreis gedreht hatte, parkte ich wieder am Waldrand und ging spazieren. Beschloss, noch mehr Fachleute zu finden, als ich bisher schon interviewt hatte.

Am Ende hatte ich neun oder zehn und musste für den Text ein paar aussortieren. Ich beschloss auch: Der böse Mann würde erst am Ende der Geschichte auftauchen. Zuerst müssten die Bundeswehroffiziere, die Wissenschaftler, die Politiker, die Unternehmer zu Wort kommen, die alle sagten: Krohns mechanische Minenräummaschine wäre ein Segen für die Menschheit gewesen. Sie wird nicht eingesetzt, weil dann Konzerne und Non-Gov-Organisationen weniger verdienen würden. Ich dachte, ich hätte eine große, wichtige Geschichte. Wenn die Leute sie lesen würden, würde sie was bewirken. Nachdem sie im Mai 2003 in »brand eins« erschienen war, bekam ich zwei Leserbriefe und einen Anruf. Von Krohn, dem alten Mann, der mich beschimpfte und zehn Mal sagte: „Nichts haben sie kapiert, nichts!“  (Christian Litz)

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Christian Litz: Minenträumer

 

Landminen töten 800 Menschen im Monat. 120 Millionen Minen liegen weltweit im Boden. Sie zu räumen dauert ungefähr 70 Jahre. Wenn keine neuen hinzukommen. Doch es gibt eine Maschine, die es schneller könnte. Nur will die keiner. Weil es gut ist, wie es ist. Oder?

Werner Maar, einst Oberstleutnant der Bundeswehr, jetzt, mit 64, seit zehn Jahren Rentner, sitzt im Wohnzimmer in Hambach an der Bergstraße südlich von Darmstadt. Grüne Gegend. Sein Haus liegt an der Wendeplattform einer Straße auf einem Berg. Vom Wohnzimmer aus sieht man Laubwald. Vogelgezwitscher. Maar spricht ruhig, mit bayerischem Akzent. Sein runder Kopf, die wenigen Haare, die Gemütlichkeit – er wirkt friedlich. Ruhig, damit es faktisch klingt, wiederholt er: „Das war unbestritten die beste Maschine zum Minenräumen. Das ideale Gerät. Aber es wurde nie eingesetzt. Wurde einfach nicht zur Kenntnis genommen.“ Warum? „Da war Geld zu machen. Anfang der Neunziger lagen auf Banken der Welt 220 Millionen Dollar nur fürs Minenräumen bereit. An diesen Kuchen wollte die Industrie ran. Das war und ist eine Riesenlobby. Die haben das massiv hintertrieben, Krohn hatte keine Chance.“

Er redet, erfreut, endlich gefragt zu werden. Wobei er vorsichtig Fakten und Deutungen unterscheidet, wie ein solider Zeuge des Ungeheuerlichen. Es geht um einen missglückten Marktzutritt. Das Produkt war prima, mit Abstand das beste. Der Markt war und ist da. Zahlen des Intel-nationalen Roten Kreuzes in Genf: 120 Millionen Minen liegen in 64 Ländern. Jährlich kommen zwei bis fünf Millionen dazu. Pro Monat 2000 Minenopfer, 800 davon tot. Von den 2000 Opfern sind 800 Kinder, 90 Prozent Zivilisten.

1989 – die Mauer fällt. Oberstleutnant Maar, ein Bundeswehr-Pionier, wird entsandt, sie zu schleifen. Er setzt schweres Gerät ein, um möglichst schnell zu arbeiten. Nur: Die Bundeswehr darf keine Jobs machen, die private Unternehmen erledigen könnten. Also wird die Firma AVA gegründet, die dem Bund gehört. Maar wird ihr zugeteilt. Er und seine Leute bekommen Sold, arbeiten aber für eine GmbH. Die AVA ist Chaos, die Geschäftsführer, einer von der Armee und einer aus der Politik, bekämpfen sich. Viele Millionen Mark aus der Staatskasse landen angeblich in der Schweiz, illegal zinsbringend. Verantwortliche müssen gehen. Die AVA wird Ende 1992 aufgelöst. Die GRV, die Gesellschaft zur Rekultivierung und Verwertung von Grundstücken, auch hundertprozentige Staatstochter, übernimmt die Geschäfte.

„Beides waren“, sagt Maar, „mysteriöse Firmen. Wir mussten nicht kostengünstig arbeiten. Sparmaßnahmen sind kontraproduktiv, hieß es oft von oben. Was wir brauchten, bekamen wir vom Staat. Alles.“ Im Etat waren 500 Millionen Mark, die man ausgeben oder zurückgeben musste. Die GRV – an der Spitze Wessis, im Mittel- und Unterbau Ossis – war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ex-DDR-Soldaten. 1800 Grenzer mutierten zu Minenräumern. „Die Jungs hatten Zeit. Die wussten, wenn wir hier fertig sind, nimmt uns keiner mehr.“ Weiterlesen auf Waahr